ANZIEHEND

Die zweite Haut des Menschen

Dem Thema Mode kann man nicht entkommen – auch wenn man sich nicht dafür interessiert, begegnet sie einem jeden Tag. Grund genug für uns, herauszufinden, was nun so faszinierend daran ist.

Kleidung ist längst viel mehr als Kälteschutz oder bedeutungslose Äußerlichkeit. Natürlich tragen wir im Winter noch immer Wollmäntel und Fellmützen, wir wollen aber auch etwas damit ausdrücken. Die eigene Persönlichkeit, politische Einstellung oder nur die jeweilige Tagesverfassung – Kleidung ist Selbstdarstellung. Der berühmte „erste Eindruck“ ist stark von der Kleidung meines Gegenübers abhängig. Sie erweckt Sympathie und steckt in Schubladen. Der Zeitgeist einer Stadt, ja einer ganzen Generation, zeigt sich durch die Vielfalt, der wir jeden Tag auf der Straße begegnen. Mode ist nonverbale Kommunikation. Durch Kleidung kann jeder Einzelne bequem zu vielen „sprechen“. Mode hilft, aus der Masse zu selektieren. Das klassische Beispiel: Ein springerstiefeltragender Glatzkopf wird mit einem bunten Rastafari mit Dreadlocks wohl wenige Gemeinsamkeiten haben. Das sieht man sofort. Und nach diesem Prinzip bedienen wir uns unterbewusst solcher Stereotype, um mit unserer vielfältigen Umwelt, besser zu Recht zu kommen.

Soweit die Theorie. Doch wie zeigt sich das? Wer sind die Meister der Selbstdarstellung, die interessantesten Individuen? Und vor allem, wie sehen sie sich selbst? Was denken sie über das „Phänomen Mode“? Um dem auf den Grund zu gehen, sind wir mit Spiegelreflexkamera und offenen Augen auf die Straße Wiens gegangen.

„Mode ist für mich ein Hobby, wie Musik und Literatur.“

Im Museumsquartier sticht uns Astrid ins Auge. Für die zwanzigjährige Studentin ist Mode eine Möglichkeit, kreativ zu werden. Für sie kann Mode nicht die gesamte Persönlichkeit eines Menschen wiederspiegeln, jedoch „einen Teil der Persönlichkeit bewusst in den Vordergrund rücken“. Mode bietet einem die Möglichkeit, die Facetten seines Charakters nach außen zu tragen, die man den anderen auch präsentieren möchte. Dadurch kann man den Eindruck, den die Umwelt von einem gewinnt, mehr oder weniger bewusst steuern. Sie bezeichnet die Ausdrucksform Mode als ein Hobby, so wie Literatur, Konzertbesuche und Musik. Letztere hat auch einen großen Einfluss auf ihren Stil, mit dem sie das Lebensgefühl von London, Britpop und Rock´n´Roll einfangen will. „Für mich gibt es nichts Schlimmeres als immer perfekt auszusehen, Mode soll Spaß machen.“ Die Funktion von Mode in der Großstadt ist ihrer Meinung nach die Vielzahl von Informationen mithilfe gewisser Stereotypen einfacher verarbeiten zu können. Dies ist keineswegs negativ, sondern ist sehr wichtig für Orientierung im Alltag.

„Mode dient dazu, sich von anderen Menschen abzuheben.“

Ihre rote Baskenmütze macht uns auf Julia aufmerksam. Sie hat es zwar sehr eilig, beantwortet uns aber trotzdem ein paar Fragen. Für sie ist Mode sehr wichtig und sie beschäftigt sich seit langem sehr intensiv mit dem Thema. Sie findet außerdem, dass Mode ein Teil ihrer Persönlichkeit ist und sie auch unterstreicht. Sehr inspiriert hat sie ihr einjähriger Aufenthalt in Paris, was sie durch ihren Stil besonders betonen möchte. Vor allem beim Fortgehen möchte sie durch ihre Kleidung auch Aufmerksamkeit erregen und Blicke auf sich ziehen. Sie beschäftigt sich in ihrer Freizeit sehr viel mit Mode und holt sich immer wieder neue Anregungen aus Internet, Modezeitschriften und Filmen. Deswegen ist sie auch gar nicht begeistert von der Idee einer Einheitskleidung: „Würden wir uns alle gleich anziehen, würden keine Individuen mehr herausstechen – wir wären eine kollektive Masse.“

„Mode ist eine Art von Kommunikation.“

Die nächste lustige Kopfbedeckung gehört dem 21-jährigen Marvin. Er ist, was sein Interesse an Mode betrifft, das genaue Gegenteil von Julia. Mode ist ihm prinzipiell im Alltag nicht besonders wichtig. Er sieht Mode keineswegs als Teil seiner Persönlichkeit, glaubt aber schon, dass sie zumindest einen Teil dieser wiederspiegeln kann. Grundsätzlich gibt er nicht viel Geld für Mode aus. Wenn er sich jedoch für ein Stück begeistern kann, legt er Wert auf Qualität und zahlt auch gerne mehr dafür. Als Inspirationsquellen nennt Marvin „Star Trek“ und die Entwürfe von Hugo Boss. Der Idee der Einheitskleidung steht Marvin nicht negativ gegenüber. Man könne sich seiner Meinung nach mehr auf andere Dinge konzentrieren und es gäbe weniger Diskriminierungen. Andererseits sieht er in Mode eine Form von Kommunikation, die gerade in der Großstadt sehr wichtig ist. Da man in der Großstadt nicht die Möglichkeit hat, jeden richtig kennenzulernen, ist Mode ein schnelles Mittel, der Klassifikation. „Weil es sagt schon etwas darüber aus, was für ein Mensch ich bin, wenn ich mit einem Hanfpullover und einer Filzglocke auf dem Kopf herumlaufe.“

„Man ist sozusagen ein individuelles Gruppenmitglied.“

Unser Streifzug endet mit der deutschen Austauschstudentin Annette. Sie kleidet sich gerne „schön und modisch“. Mode macht zwar keinen Teil ihrer Persönlichkeit aus, diese bestimmt aber umgekehrt, was sie trägt. Inspiriert wird sie durch Filme und Modemagazine. Trends, sagt sie, werden von Designern und Magazinen „entwickelt“ und jeder kann sich dann entscheiden, ob er ihm gefällt oder nicht. Ihre persönliche „Trendentwicklung“ sieht sie von außen beschränkt, durch ihre Auswahlmöglichkeit ist sie aber trotzdem individuell. Mode ist für sie eine Art des Ausdrucks, sie kann sowohl Individualität als auch Gruppenzugehörigkeit wiedergeben: „Auf der einen Seite möchte die Menschen durch Mode auffallen, sich hervorheben, andererseits sind die modischen Ausflüchte auch oft nicht zu ausgefallen, weil die Masse bzw. jeweilige Gruppe denjenigen sonst nicht mehr anerkennen würde.“ So balanciert man als „individuelles Gruppenmitglied“ zwischen seinem ganz persönlichen Stil und der „Einheitskleidung einer Gruppe“.


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