M&M

Mensch+Maschine Minisite

Zu Besuch bei Robotern

Schon der Weg zur Preisverleihung der Roböxotica stimmt uns auf die Veranstaltung ein. Vorbei an einer verlassenen Baustelle, geht man das Treppenhaus rauf, alles wirkt ein bisschen unfertig und provisorisch, es liegen Flyer herum, bunte Lichteffekte und der Geruch nach Lack tauchen uns in eine Welt voller Girlanden, beschäftigter Leute, Roboterkrach und Rockmusik.

Als wir den Raum betreten empfängt uns eine mechanische Geräuschkulisse, die sich auch visualisiert auf zwei Glaswänden mitten im Raum widerspiegelt. Menschen stehen dicht gedrängt um den Tresen und feuern jemanden an. Vorsichtig nähern wir uns dem Geschehen, wollen auch einen Blick darauf erhaschen. Ein junger Mann liefert sich ein Armdrücken mit der Bar. Ein Barkeeper ist nicht answesend. Aus der Holzplatte des Tresens steht ein Stahlarm empor, an dem sich die Besucher messen. Wer ihn bezwingt bekommt einen Whiskey, welcher in klassischer Wild West Manier quer über den Tresen rutscht, direkt in die Hand des Siegers.

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Fotos: CC-BY-NC wranner

Die Roböxotica

Wir befinden uns auf der Roböxotika, der Messe für cocktailmixende Roboter, welche einmal jährlich in Wien stattfindet. Der soeben getroffene Robotertresen wurde von seinen Erfindern Plasmastaub genannt. Nur ein Monat hat es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert erfahren wir von einem seiner insgesamt sechs Erbauern. Plasmastaub hat wie die meisten Roboter auf der Roböxotica eine einzigartige Geschichte. Im Jahr 3078, nach der Robotervernichtung, ist Plasmastaub einer der wenigen überbliebenen jackBOTS®. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern hat ihn und einige weitere vor der Zerstörung gerettet, indem sie ihn auf eine Zeitreise geschickt haben. Geplant war es ihn in die Zukunft zu schicken, wo Menschen und Maschinen eine friedliche Koexistenz führen könnten, doch es lief etwas schief und das Zieldatum wurde zurückgesetzt auf den 1. Jänner 1970. Im Jahr 2009 hat eine Gruppe von ca. 60 Grazer FH-Studenten sich entschlossen einen Roboter bei der Roböxotica anzumelden und als sie das benötigte Material dafür gesucht haben, sind sie auf den schwer beschädigten jackBOT® gestoßen. Durch das ändern einiger Parameter haben sie ihn zu dem harten, armdrückenden, whiskywerfenden Wild-West-barBOT gemacht.

Diese FH-Studenten werden von einem der Veranstalter, Johannes Grenzfurthner, unterrichtet und haben die Faszination Roboter entdeckt. Ein weitere Gruppe, die sich ihnen angeschlossen hat, hat ein ansprechendes Wild West Ambiente rund um Plasmastaub aufgebaut, was vielen der anderen Roboter fehlt. Er wurde unter einem gewissen Zeitdruck gebaut und bei einigen der Teilen ist es nicht sicher, ob es sich um gute Einschätzung der Teammitglieder oder schlichtes Glück handelt, dass sie beim ersten Versuch funktioniert haben. Noch gibt es kleinere Probleme, etwas beim Whiskeydosierer, welcher ab einem gewissen Flascheninhalt versagt und nur noch leere Gläser serviert. Auch die Geschwindigkeit der über den Tresen rutschenden Gläsern überrascht die Besucher, sodass man hin und wieder ein klirrendes Glas hört, das über die Holzplatte hinaus geflogen ist.
Auch wenn der Roboter nur Whiskey servieren kann, ist er eine interessante Erfahrung. Und so mancher hat das Armdrücken schon als eingebaute Kindersicherung bezeichnet. In Zukunft soll die Stärke des Metallarms durch einen speziellen künstlichen Muskel elektronisch einstellbar sein. Nachdem wir den Whiskey ausgetrunken haben, schauen wir weiter.

Mehr als Roboter

Auf der Roböxitca gibt es nicht nur Cocktailmixende Roboter, sondern verschiedenste, die in den größeren Themenbereich Maschine, Alkohol, Bar passen. So ist der Makerbot aus dem Wiener Hackerspace „Metalab“ dafür verantwortlich, Shotgläser zu drucken. Nicht nur auf Papier, wie man es von einem normalen Drucker kennt, sondern echte dreidimensionale und voll funktionale Gefäße. Im Gespräch erzählen die Macher, dass der Makerbot nicht nur alle möglichen dreidimensonalen Objekte drucken kann, sondern zu großen Teilen auch sich selbst. So wird es einmal möglich sein sehr günstig, eine große Anzahl von Makerbots herzustellen, weil sie sich selbst reproduzieren können.

Ein weiterer, ungewöhnlicher Roboter ist Hobot von Stefan Arztmann und Matthias Esterl. Dieses arme Geschöpf ist süchtig nach Alkohol, kann ihn sich jedoch nicht kaufen, weil er kein Geld hat. Er hat es bei der Roböxotica nicht einfach, rund um sich sieht er Roboterkollegen, die die ganze Zeit Alkohol an Fremde ausgeben und er bleibt auf dem Trockenen. Er bittet daher die Besucher um das Wechselgeld, wird jedoch von vielen nur als Müllablage missbraucht. Somit regt die Roböxoitca nicht nur zum fantasieren über zukünftige Barlandschaften an, sondern auch über das Zusammenleben von Mensch und Maschine. In einem Interview hat Magnus Wurzer von Shifz, der zweite Veranstalter, gesagt, dass die Roböxotica die Roboter befreit. Führen sie heutzutage ein tristes Dasein in Fabriken, wie man es Menschen nicht mehr zutraut, und werden ausgetauscht, wenn sie nicht mehr funktionieren, wie sie sollen, werden sie bei der Roböxotica wieder in die Gesellschaft integriert. Sie interagieren mit den Menschen und nicht nur für ihn. Somit ist es auch kein großes Wunder, dass es einen Roboter gibt, der die Besucher beschimpft. Durch einen Boxsack, der ein Teil von HAL 9001 ist, kann man den sich aufbauenden Aggressionen freien Lauf lassen und der Maschine seine Meinung ohne Worten sagen. Wer stark genug schlägt, wird auch noch mit einem Alkoholgemisch belohnt. Jedoch hat die Kombination aus Alkohol und Gewalt zu keinem guten Ende geführt, sodass HAL 9001 noch während der Roböxotica sein elektrisches Leben gelassen hat.
Sein sterben ist wiederum bezeichnend für die Roböxotika, deren improvisierter Charakter einen eigenen Charme hat. Auf die Frage was für Probleme bei einer Veranstaltung wie dieser auftreten können scherzt Johannes Grenzfurther: „Die ganze Veranstaltung ist ein Problem!“; so war im Vorfeld des Umzugs der Roböxotika vom Quartier21 des Museumsquartier in den 14. Bezirk noch nicht klar, ob im neuen Gebäude überhaupt geheizt werden könnte. Mit dem Umzug ergaben sich aber auch andere Probleme. Gab es im Museumsquartier aufgrund der zentralen Lage noch viel Laufkundschaft, verirrt sich Heuer wohl keiner mehr aus versehen aufs hinterhöfische Gelände im 14. Bezirk. Dafür ist die Atmosphäre familiärer, die Leute sind nur wegen den Robots hier. Und natürlich wegen der Cocktails.

Roböxotica als Kunst und Kultur

Dass die Roböxotica, die in diesem Jahr ihre elfte Ausgabe feiert so ein Erfolg war, ist nicht selbstverständlich. Angefangen hat sie nach Angaben von Johannes Grenzfurther, als Schmäh eines engen Kreises von robophilen Leuten. Der Fokus lag dabei schon immer auf der sozialen Komponente, daher durften bis jetzt auch nur Roboter teilnehmen, die Cocktails mixen, oder im entferntesten mit der Cocktailkultur zu tun haben. Auch handelt es sich bei der Roböxotika um keine kommerzielle Veranstaltung, Sie wird von Förderungen und den Mitteln der Teilnehmer getragen. Eintritt gibt es keinen, freiwillige Spenden für die Cocktails sind jedoch erwünscht. Dass sich das Phänomen Roböxotica soweit herumgesprochen hat, dass Leute aus England, Amerika oder sogar Hong Kong daran teilnehmen ist dabei kein Wunder, da es sich bei den Teilnehmern ja um Technikaffine Menschen handelt. Sie sind alle bestens informiert, sei es durch die einschlägigen Blogs oder Onlineplattformen, in denen die Veranstaltung einen guten Ruf besitzt. Zur Freude der Veranstalter hat die Roböxotica mittlerweile sogar einen Ableger auf der anderen Seite der Welt gefunden, in San Francisco. Sie war zwar mit nur 10 teilnehmenden Robots wesentlich kleiner als ihre große Schwester in Wien, aber ein Zeichen für den Erfolg der Vernetzung ist es allemal.


Video: schopenhauer32

Interview mit Robert Neuner

Einer von drei Entwicklern des MELMACC

Könntet ihr euch vorstellen den Melmacc auch kommerziell zu produzieren? Bei Großveranstaltungen würde sich eine solche Maschine sicher rentieren.
Ja, wir haben schon ein paar Mal darüber nachgedacht, aber bis jetzt war es so dass wir dieses Ding eigentlich immer spaßeshalber, bzw. des Hobbys wegen entwickelt haben. Eigentlich haben wir noch nie für so viele Leute Cocktails gemacht, sondern immer nur für Freunde, da waren wir 10, 15 Leute und am Abend sind vielleicht 50 Cocktails gemacht worden. Wir haben gesehen dass es gut funktioniert, aber man könnte auch noch hier und dort etwas verbessern. Dass der Melmacc so erfolgreich ist, und 3 Abende hindurch ohne größerer Probleme Cocktails machen kann, haben wir bis jetzt auch noch nicht gewusst. Deswegen haben wir auch noch nicht so viel darüber nachgedacht, aber ich bin mir sicher dass wir uns jetzt Gedanken darüber machen werden und vielleicht einmal an Bars herantreten werden, vielleicht fragen ob es irgendwer bei einem Event verwenden will und :Ja, ich könnte mir schon vorstellen dass das aufgeht, aber wir müssen uns erstmal zusammensetzen und das Ganze Revue passieren lassen.

Wie viele Cocktails habt ihr über die Dauer der Roboexotica gemacht?
Also wir haben sicher so an die 500 Cocktails über die letzten 3 Tage gemacht, ich glaube wir sind schon eher so an die 600.

Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade Cocktailroboter zusammenschraubt?
Einer schreibt gerade seine Doktorarbeit, der andere seine Diplomarbeit und ich bin schon fertig und bin momentan in der IT-Beratung tätig.

Woher kommt ihr und wo lebt ihr heute?
Zwei sind aus Oberösterreich, Einer ist aus Wien. Wir wohnen alle in Wien und gehen hier der Arbeit oder dem Studium nach.

Das heißt, der Melmacc wurde bis jetzt noch nicht bei Großveranstaltungen eingesetzt, sondern nur privat und bei der Roboexotica.
Richtig. Das einzige dass ich jetzt schon weiß, ist dass wir bei unserer Firmenfeier, die nächste Woche stattfinden wird, von der Firma dazu eingeladen worden sind auf jeden Fall den Roboter auszustellen. Dann werden wir das erste Mal einen Roboter auch bei einem Event ausstellen. Das wird nächsten Freitag stattfinden und ich bin auch schon sehr gespannt!

Die Software habt ihr bis jetzt nur für euch entwickelt, wollt ihr sie irgendwann Open Source machen?
Das ist eine gute Frage. Die Sache ist so, es ist so speziell dass es überhaupt keinen Sinn macht da jetzt irgendwas mit Open Source zu probieren, weil wirklich alles auf einander abgestimmt ist, auf die elektronischen Komponente, und so weiter. Wir haben das alles auch nie mit dem Ziel entwickelt, die Software leicht zugänglich zu machen. Dass wir sogar eine ABI schreiben, so dass man hier auch als anderer Entwickler leicht Zugriff hätte. Vorhaben tun wir es noch nicht, da etwas in diese Richtung zu machen, aber wer weiß, vielleicht passiert noch irgendwas. Wir werden sehen!

Wir haben gehört dass ihr vor sieben Jahren als Zuschauer bei der Roboexotica wart. Wie weit habt ihr euch damals von den anderen Modellen inspirieren lassen?
Naja, das ist eigentlich auch eine gute Frage. Wir waren damals auf der Roboexotica und die Idee hat uns irrsinnig gut gefallen. Wir waren aber fast ein bisschen enttäuscht, denn der ein oder andere Roboter hat halt einen Cocktail machen können und es hat aber keinen einzigen Roboter gegeben der jetzt wirklich verschiedene Cocktails mixt. Wir haben uns unter Roboexotica eigentlich immer so etwas vorgestellt, nämlich auch dass das Ganze unter einem anderen Gesichtspunkt steht und auch einen künstlerischen Zugang hat und es auch sehr viel auf die Idee ankommt, denn es gibt ja wirklich nette Ideen hier. Das war uns damals irgendwie noch gar nicht so bewusst und darum haben wir gesagt, dass wenn wir einen Roboter machen, dann wollen wir gerne einen bauen, der ein bisschen konträr ist zu den anderen bei der Roboexotica und sich auf den eigentlichen Zweck, das Cocktailmixen, sowie man es normalerweise auch sieht, spezialisiert und auch eine verschiedene Auswahl an Cocktails machen kann.

Könntet ihr theoretisch eigentlich jeden Cocktail hier machen?
Wir können eigentlich jeden Cocktail machen, jeden den man aus dem Zutaten die hier eingespannt sind, machen kann. Wir haben insgesamt 8 Flaschen und 3 Behälter, in keinen kann man derzeit eine Flüssigkeit mit Kohlensäure einfüllen, das muss im Moment alles noch manuell passieren. Weil in den Flaschen fährt durch das Schütteln die Kohlensäure hinaus und in den Behältern passiert das genaue Gegenteil: Es raucht aus.

Wäre die Palette von Zutaten nicht erweiterbar?
Absolut. Wäre absolut erweiterbar, ja. Da müsste man aber natürlich den Melmacc dann auch etwas größer machen und wieder anders angehen. Aber theoretisch, wenn man das Ding jetzt 10 Meter lang macht, dann könnte man wirklich viel machen.

Aktuell habt ihr also noch Schwierigkeiten mit Cocktails, die kohlensäurehaltige Zutaten brauchen oder geschüttelt werden müssen?
Alles wo er einen Stößel braucht, beim Caipirinha oder beim Mojito zum Beispiel, ist nicht möglich. Das sind halt die beiden populären die man so kennt, die auch ein bisschen handwerkliches Geschick erfordern.

Wir waren jetzt gerade beim “Robomoji“, der einen Stößel hat und voll mechanisch funktioniert, habt ihr euch da nicht auch was abschauen können, oder ist so eine Funktion vorerst noch nicht geplant?
War eigentlich so nicht geplant, nein. Weil DAS kann eh der Robomoji. Wir brauchen da nicht kopieren. Wir ergänzen das Angebot. Und der Robomoji hat den Vorteil, nennen wir es einmal Vorteil, dass er mit Druckluft arbeitet und deswegen kann er da auch einen Stößel relativ leicht bedienen.

Wenn wir hier beim Melmacc einen Stößel machen würden, der rein mechanisch gehen würde, also ohne Druckluft, wird das Ganze wieder komplizierter und sehr aufwändig. Deswegen haben wir es eigentlich nicht vor. Was wir schon noch einbauen wollen ist ein Mixer, praktisch einen Milchaufschäumer der in das Glas hineinfährt und umrührt, sowie einen Strohhalm-Dispenser, der die Strohhalme automatisch in die Gläser hineinsteckt. Irgendwann werden wir uns auch an das “Projekt Eis“ heranwagen und schauen dass eine automatische Eiszufuhr, wahrscheinlich da wo der Bildschirm jetzt steht, passieren wird. Das wäre jetzt noch unser Traum.

Das heißt der Melmacc arbeitet rein mechanisch und die Steuerung elektronisch?
Ganz genau. Also wir haben jetzt ja wirklich nur elektronische Bauteile und Motoren im Gegensatz zum Robomoji, der sehr viel mit Druckluft arbeitet.